Abseits aufgetretener Pfade
Interview mit Erik Bosgraaf
Der niederländische Blockflötist Erik Bosgraaf sucht nach Grenzen. Neue Klangwelten will er entdecken und sein Publikum mit alter und neuer Musik überraschen. Vom Komponisten Jacob van Eyck aus dem siebzehnten Jahrhundert bis zum zeitgenössischen Big eye ist es für ihn nur ein einziger Schritt.
Das Alltagsinstrument Blockflöte, das für manches Kind nur als Sprungbrett zum nächsten Instrument dient, ist Leben und Leidenschaft von Erik Bosgraaf (Drachten, Niederlande, 1980). In Amsterdam studierte er am Konservatorium bei Walter van Hauwe und Paul Leenhouts. Dort trat er auch dem Blockflötenensemble The Royal Wind Music bei. Seitdem geht Bosgraafs Karierre steil bergauf. Vor kurzem spielte er auf dem Eröffnungskonzert des Festivals Alter Musik in Utrecht. Mit dem Gitarristen Izhar Elias bildet er ein festes Duo und er tritt regelmäßig mit dem Ensemble Cordevento auf. Bei diversen Festivals im eigenen Land und im Ausland ist er ein gern gesehener Gast.
Anlässlich des Van Eyckjahres nahm Bosgraaf für das Label Brilliant Classics drei CDs mit Variationen aus Der Fluyten Lust-hof auf, ein Werk des blinden niederländischen Komponisten, der vor 350 Jahre starb. Zusammen mit der ebenfalls kürzlich erschienenen CD/DVD Big eye vermittelt diese Produktion ein gutes Bild von den Extremen, die Bosgraaf auf seinem Instrument erreichen kann.
Aber warum entschied er sich für die Blockflöte? "Ich habe, wie viele andere auch, Blockflöte eigentlich in der Absicht angefangen, zu Oboe zu wechseln. Nur war ich die nach einer Weile satt. Ein Instrument soll sich nicht nur schön anhören, sondern es muss sich auch gut anfühlen beim Spielen. Bei der Oboe war da der Knackpunkt. Es fühlte sich nicht gut an. Und ich hatte nie aufgehört, ständig so ein bisschen zum Spaß Blockflöte zu spielen. Allerdings spielte ich „zum Spaß“ täglich locker zwei bis drei Stunden!"
Bosgraaf liebt direkte Instrumente. "Für andere Blasinstrumente bedarf es des Mundansatzes. Das führt zu einer Art Verspätung in der Spielweise. Eine Blockflöte hingegen nimmt man in die Hand, man bläst und der Ton ist sofort da. In soweit gleicht es auch sehr der Sprache. Artikulation und Rhythmus sind für mich denn auch von grundlegender Bedeutung. Bei einem Instrument mit Mundansatz ist das alles nicht so wichtig. Da geht es eher um Klang und lange Linien."
Neben seiner Ausbildung am Konservatorium, studierte Erik Bosgraaf auch Musikwissenschaft. "Eines Tages dachte ich: Ich werde alles in meinem Leben ins Zeichen der Musik stellen. Das theoretische Studium hat großen Nutzen für mich. Vor allem in der alten Musik probiere ich immer neue Stücke zu entdecken, aus dem Kontext heraus zu spielen und mich selbst zu fragen: Für wen schrieb oder spielte der Komponist? Welche Art Menschen haben dem zugehört?"
"Ich glaube an die Rucksacktheorie: Man stopft viele Sachen in seinen Rucksack hinein, man studiert alles und in dem Augenblick, in dem die Aufnahme oder das Konzert beginnt, setzt man den Rucksack ab. Aber die Kenntnisse, die drin waren, hat man sich mittlerweile zueigen gemacht. An erster Stelle soll das, was man tut, sich natürlich um die Musik drehen. Es ist auch wirklich nicht so, dass ich unbedingt historisch präzise sein will. Ich möchte aber schon wissen, ob etwas mehr oder weniger historisch ist. Ich bemerke es und bemühe mich, in der Ausführung so nah wie möglich daran zu bleiben, aber in dem Moment, in dem es gegen meine musikalische Intuition verstößt, lass ich es los. Für mich ist der Hintergrund ein Mittel, die Musik besser zu verstehen."
Kontrast
Bosgraaf will das Instrument die "Blockflötenwelt" herausragen lassen. Es gibt kaum einen größeren Kontrast, als den zwischen Der Fluyten Lust-hof einerseits und der Doppel-CD/DVD Big eye voller ausschließlich neuer Musik und Film, von unter anderem Paul und Menno de Nooijer, andererseits. Und trotzdem bilden beide Aspekte für ihn eine Herausforderung.
"Musik kann verschiedene Funktionen haben. Sie kann ein warmes Bad sein: ein Klang wie bei Van Eyck. Aber Musik kann auch die Welt auf den Kopf stellen. Und diese Eigenschaft ist bei zeitgenössischer Musik sehr ausgeprägt: Sie kann die Erwartungsmuster durchbrechen. Ich bin auch in alter Musik immer auf der Suche nach dem Neuen. Ich schaue, was ich bestehenden Aufnahmen hinzufügen kann, oder ich spiele Stücke, die noch nicht so oft oder noch gar nicht aufgenommen wurden. Die CD Big eye enthält auch viel unbekanntes Repertoire. Die Kombination ist spannend. Einerseits arbeitet man mit schon verstorbenen Komponisten, die nichts erwidern können und bei denen man als eine Art Sherlock Holmes selber alles ausknobeln muss. Das tut man alles in den Mixer und dann kommt da etwas raus. Dies ganz im Gegensatz zu zeitgenössischer Musik. Dann arbeitet man mit Menschen, die auf alle Fälle etwas antworten."
Am tollsten ist es, wenn man einen Termin bei einem Komponisten hat und aus der Information, die man selber gibt, ein Stück entsteht. Deshalb ist es sehr wichtig, was man sagt und hören lässt. Ich habe einmal zum Scherz einer Blockflöte ein Saxophonmundstück aufgesetzt. Es klang wie eine Ente und das hat dieser Komponist danach benutzt. Er fand es großartig. Man kann einen Komponisten so lenken und den Eindruck, den er von einem Instrument hat, beeinflussen. Die Blockflöte steht als Instrument nicht in den Orchestrierungsbüchern, also hat man auch wirklich etwas zu erzählen. Es ist für einen Komponisten dadurch oft sehr überraschend."
Interpretation
Auf den drei CDs von Der Fluyten Lust-hof spielt Bosgraaf verschiedene Blockflöten. "Damit ein Stück spannend wird, probiere ich, die verschiedenen Charaktere auszumalen. Man muss sich gerade auf die Unterschiede und nicht auf die Ähnlichkeiten konzentrieren. Die Stücke sind alle für Blockflöte komponiert und es geht größtenteils um Variationsformen. Solch Rezept ist an sich ein Vorbote der Langweiligkeit."
"Diese Musik wurde für Sopranblockflöte notiert. Das heißt meiner Meinung nach nicht, dass Van Eyck nur dieses Instrument spielte. Die Sopranblockflöte ist auch jetzt noch sehr beliebt, aber professionellen Blockflötisten steht eine enorme Auswahl an Instrumenten zur Verfügung. Außerdem: Van Eyck hat nie eine CD aufnehmen müssen!"
"Van Eyck schrieb meist Variationen zu volkstümlichen Liedern. Denen habe ich Verzierungen hinzugefügt, wie es zu seiner Zeit üblich war, selbst wenn die gedruckten Quellen sie nicht erwähnen. Ich hätte mir auch selber Variationen ausdenken können, was ich auch übrigens in einem Stück getan habe, aber in der Regel nicht, weil ich fand, dass es eine Aufnahme der Musik Van Eycks werden sollte. Die Variation steckt für mich auch im Timing, in der Intonation und in all dem, was man mit einem Instrument in der Interpretation macht."
"Ich habe die Idee der absoluten Aufführung aufgegeben. Es kommt auf den Raum und auf eine Menge anderer Umstände an. Sogar darauf, wie man morgens aufgestanden ist. Das Aufzeichnen macht die Musik darum nicht weniger interessant. Ich hoffe, dass an meinen Ausführungen zu hören ist, dass es eine Freiheit im Timing gibt. Auch wenn es in gewisser Weise festgelegt ist, kann man schon hören, dass es in dem Moment quasi improvisiert wurde und das hat einen bestimmten Wert. Wenn man eine Aufnahme von Oscar Peterson hört und weiß, dass er sich das alles an Ort und Stelle ausgedacht hat, stellt das doch einen Mehrwert dar.
Verwunderung
Gute, attraktive Musik hat für Bosgraaf etwas mit Verwunderung zu tun. Das Publikum muss staunen und, wenn nur irgend möglich, in die Irre geführt werden. Zusammen mit Izhar Elias hat er dieses Konzept in Big eye weiter ausgearbeitet. "Wir sagen einem Komponisten, der etwas für uns schreiben wird, immer: Wenn es nur nicht nach Blockflöte und Gitarre klingt! Also man komponiert zwar für Blockflöte und Gitarre, doch das Ergebnis soll nicht das bestehende Bild bestätigen. Das wäre langweilig."
"Ich erlebe zum Beispiel oft auf einem Festival, dass das Konzertpublikum eine bestimmte Erwartung daran hat, was ein Konzert ist. Es gelten natürlich allerlei feste Konventionen, wie das Applaudieren. Uns macht es dann gerade Spaß, da etwas Verfremdung einzubringen und an den Konventionen zu rütteln.
"Ich finde es auch interessanter, mit nicht-etablierten Komponisten zu arbeiten, weil sie in einer bestimmten Art und Weise noch für Neues aufgeschlossen sind. So von wegen: Hit me! Sie haben keine Scheu vor den Extremen und haben nicht schon eine fixe Idee über wie es alles sein soll. Der Wille zum Experimentieren ist wichtig. Sonst sollte man sich auch nie an eine Blockflötenkomposition wagen, denn das ist sowieso schon was Ungewöhnliches."
"Varèse hat mal gesagt: ‘Music is organised sound’. Also nicht nur organised pitch and rhythm. Das heißt, dass alle möglichen Klänge in einem Stück verarbeitet werden können und neue Klangwelten sich eröffnen. Das finde ich ungeheuer faszinierend."
copyright 2007 – Windkanal / Frederike Berntsen (Übersetzung: Rianne Mus, Pia-Henrike Böttger)